Lokale Küche kocht für Kinder der Stadt

Gepostet von am Aug 16, 2012 in Referenzen | Kommentare deaktiviert für Lokale Küche kocht für Kinder der Stadt

Lokale Küche kocht für Kinder der Stadt

Ein Gegenbeispiel zum Konzern, der bundesweit Essen ausgibt:
Die Firma Kissing baut in Überlingen eine kleine Großküche auf.

1,3 Millionen Essen kocht die eine Firma täglich, 130 Essen die andere. Während Überlingens Schüler ab dem nächsten Schuljahr mit Essen des bundesweit tätigen Konzerns Apetito aus Westfalen versorgt werden, das 1,3 Millionen Teller füllt, wird das Essen für die städtischen Kindergärten in einem Überlinger Familienbetrieb gekocht. Holger Kissing und seine Partnerin Daniela Rädler haben das europaweit ausgeschriebene Bieterverfahren der Stadtverwaltung für sich entschieden. Sie beliefern ab Sommer die Kindergärten Sankt Angelus und Burgberg. Wichtig für Kissing und entscheidend bei der Preisgestaltung sei es, dass die Zahl der bestellten Essen relativ konstant bleibt und frühzeitig bekannt ist. „So kann ich den Kampfpreis halten.“

Kissing und Rädler müssen allerdings erst noch in Gebäude und Technik investieren. Bislang b etreiben sie in unmittelbarer Nähe zur Realschule nur einen Kiosk, eine Art Bratwursttheke. Doch war für sie die Zusage der Stadt nun das Startsignal für den Bau einer Großküche am Ort. Wenn der Bau bis Sommer nicht fertig ist, wollen sie sich in einer Gaststätte eine Zwischenlösung suchen, sagen Rädler und Kissing.

Holger Kissing ist staatlich geprüfter Ernährungsberater und Küchenmeister. Wie er sagte, habe er mehrjährige Erfahrung als Leiter einer Küche in einem Hotel im Allgäu. Daniela Rädler ist als Köchin und Ernährungsberaterin ebenfalls vom Fach. Das Paar hat zwei Kinder im Alter von 0 und 5 Jahren. „Wir kochen nichts, was wir unseren Kindern nicht auf den Tisch stellen würden“, sagt Daniela Rädler. Regionale und saisonal passende Rohwaren seien fester Bestandteil ihres Speiseplans.

Damit werden sie einem Passus bei der Ausschreibung gerecht. Demgegenüber kauft Apetito nur Salat, Obst, Rohkost und Teigwaren aus der Region. Wie der städtische Fachbereichsleiter Raphael Wiedemer-Steidinger auf Anfrage sagte, habe die Formulierung in der Ausschreibung, wonach „bevorzugt frische Rohware aus der Region zu verwenden ist“, lediglich „Empfehlungscharakter“.

Kissing wurde, wie er berichtet, dazu aufgefordert, ein Angebot abzugeben. Im Rathaus habe man sich seiner erinnert, nachdem er sich früher schon für die Gymnasium-Mensa beworben habe. Im Übrigen habe er sich in diesem Jahr für die Wiestorschule beworben. Sein Angebot, analog zu den Kindergärten: 3,20 Euro. Dies unter der Voraussetzung, dass er sich nicht um Essensausgabe, Personal und Reinigung kümmern müsse, sondern die derzeit 80 Essen nur warm anliefert. Bekanntlich bekam die Firma Apetito, die Ausgabe und Reinigung inclusive organisiert, den Zuschlag für die Wiestorschule: für 4,48 Euro.

Für das städtische Kinderhaus Burgberg, beziehungsweise den Hort dort, kam das Essen bislang aus der Küche des Helios-Spitals. Helios hatte sich allerdings nicht mehr beworben gehabt, wie Raphael Wiedemer-Steidinger sagt. Die Zahl der eingereichten Angebote hielten sich nach der europaweiten Ausschreibung offenbar in Grenzen. Einen Grund sieht Wiedemer-Steidinger darin, dass die gängigen Preise, angesichts der geforderten Standards, „kaum Gewinnspannen zulassen“.

Kissings Küche (Johann-Kraus-Straße) beliefert die städtischen Kindergärten ab Sommer 2012. Durchgängig werden 3,20 Euro für ein Mittagessen verlangt, für alle Altersklassen, vom Kleinkind bis zum Hortkind. Bisher lag der Preis bei 2,25 Euro für Kindergartenkinder und bei 3,00 Euro für Hortkinder.

Die Firma Apetito Catering aus Westfalen beliefert Realschule und Gymnasium für 3 Euro und die Wiestorschule für 4,48 Euro (für Schüler abzüglich 68 Cent städtischer Zuschuss). (shi)

Das Beispiel Kissing zeigt: Mensaessen muss nicht unbedingt als Massenware und schockgefrostet durch die halbe Republik gefahren werden, bevor es auf den Teller der Schüler kommt. Es scheint möglich zu sein, mit einer guten Kalkulation und einem pfiffigen Konzept preiswert vor Ort zu kochen und auf kurzem Wege die Kost zu liefern.

So plant es zumindest das kleine Familienunternehmen Kissing aus Überlingen, das künftig die städtischen Kindergärten Burgberg und Sankt Angelus beliefert. Der Susokindergarten kommt möglicherweise noch hinzu, dort werden derzeit Kostproben gegessen. Ob den Kleinen das Essen dann tatsächlich schmeckt und den Eltern die Inhaltsstoffe gesund genug sind, muss sich noch herausstellen. Grundsätzlich einmal ist das Bauchgefühl bei dem kleinen lokalen Anbieter aber gut.

Wenn sich das gute Bauchgefühl beim Konzern Apetito aus Westfalen, der täglich 1,3 Millionen Teller füllt und fortan neben der Wiestorschule auch Gymnasium und Realschule beliefert, noch nicht eingestellt hat, ist das möglicherweise emotional und nicht sachlich bedingt. Aber wenn nicht beim Essen, wo sonst geht es um Geschmackssache? Da dem so ist, hätte die Stadt gut daran getan, den Brei von vielen Köchen anrühren zu lassen, statt im stillen Kämmerlein über ein formelles Ausschreibungsverfahren zu brüten. Natürlich wurden die Ausschreibungskriterien vorher mit dem Gemeindrat abgestimmt. In einem offenen Diskurs mit den Räten und anderen Gremien, vielleicht sogar den Eltern, wären aber möglicherweise Ideen entstanden, die der lokalen Kompetenz mehr Gewicht verliehen hätten. Stattdessen wurde der Produktqualität weniger Bedeutung als dem Preis beigemessen. Wie sich jetzt nämlich herausstellt und der städtische Fachbereichsleiter Wiedemer-Steidinger auf entsprechende Nachfrage einräumt, hatte die Forderung nach „regionaler Rohware“ nur „empfehlenden Charakter“. Das ist ärgerlich.

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